Leseprobe Wolfhard – Der Junge

Prolog

1112

Burg Wimmer

 In einem kleinen Tal im Salzburger Land, an der Grenze zum Herzogtum Bayern, stand die kleine Burg Wimmer. Sie war noch von Welf IV. erbaut worden. Ihre grauen Mauern waren längst verwittert und an manchen Stellen war sie, nur noch zwei Mann hoch und notdürftig repariert. Der Wohnturm war ein dreistöckiger, alter schiefergrauer Bergfried mit kleinen Fenstern und niedriger Brustwehr. Die Burg war das Zuhause von Graf Ferdinand von Wimmer und seiner Familie samt Gesinde. Graf Ferdinand war ein kleiner Landadliger, liebte das Leben auf dem Land fernab von der Geschäftigkeit Salzburgs. Nur am Monatsersten ritt er nach Salzburg, um seinem Lehnsherrn, Erzbischof Konrad von Abensberg, den Zins für sein Lehen zu entrichten. Es war schon tiefe Nacht, als Max der Knecht zaghaft an die Tür des Schlafgemachs seines Herrn klopfte.

„Herr Graf, ein fremder Ritter wünscht euch dringend zu sprechen, er wartet vorm Tor.“

„Er soll nach Tagesanbruch wieder kommen“, grollt Ferdinand gereizt und zog sich die Decke wieder über den Kopf.

Max wartete einen Augenblick.

„Er sagt es sei wichtig, Herr, er wäre euer Freund“, wisperte Max durch die geschlossene Tür.

Ferdinand schlug die Decke bei Seite und stampfte zur Tür, öffnete diese und raunte,

„Ich komme! Hole Berthold, er soll mich zum Tor begleiten“, befahl Ferdinand.

Der Graf warf sich den Waffenrock über, schnürte ihn mit dem Schwertgürtel und stieg die Stufen des Wohnturms hinab. Der Knecht eilte zum Zeughaus um Berthold den Waffenmeister zu wecken, Dessen Schnarchen war über den ganzen Hof zu hören. Max verdrehte die Augen und betrat die Stube. Der Waffenmeister schlief auf einem Strohsack neben der Feuerstelle. Er rüttelte an Bertholds Schulter.

„Berthold, der Graf braucht dich.“

„Jetzt?“ brummte Berthold, verschlafen.

„Ja, es ist jemand am Tor“, flüsterte der Knecht.

Berthold sprang auf,

„Warum sagst du das nicht gleich, ich komme“, ärgerte sich Waffenmeister.

Er zog sich, leise fluchend und murmelnd, sein Wams über dem Bauch zurecht, griff nach dem Schwert und eilte hinaus. Auf dem Weg zum Tor schloss er zu Ferdinand auf und beide gingen zum Burgtor.

„Hast du eine Bauerstochter verführt ..?“ fragte Ferdinand besorgt seinen Waffenbruder.

„Ich denke nicht! Ich bin meiner Anna treu, bis in den Tod“, meinte Berthold

„Oder einen Ritter beleidigt?“ hackte Ferdinand nach.

„Keinen der noch lebt,“ überlegte Berthold.

„Na, …um Gottes Willen, das hoffe ich für dich“, grinste Ferdinand, der den alten Haudrauf kannte.

Am Burgtor angelangt, griff Ferdinand eine Fackel aus der Halterung neben der Wachstube und Berthold zog sein Schwert. Berthold öffnete die Mannpforte. Als beide mit gezogenem Schwert vorsichtig vors Tor traten, hob Ferdinand die Fackel um dem Ritter ins Gesicht zu schauen.

„Ulrich!?“ riefen beide wie aus einem Mund.

Ulrich sprang lachend vom Pferd und nahm seine Waffenbrüder überschwänglich in die Arme. Doch hinter Ulrichs Lächeln lag diesmal etwas anderes, etwas Schweres. Seine Augen flackerten, als er seine beiden alten Freunde umarmte.

Ulrich war der Ritter ohne Furcht und Tadel. Der strahlende Held, wie sie ihn kannten, doch in dieser Nacht nagte der Zweifel an ihm.  War es richtig, hier her zu kommen? Würde er nicht die Familie seines Waffenbruders in Gefahr bringen? Aber Ulrich hatte keine andere Wahl. Ein Eid band ihn, und Eide waren für ihn heilig.

Ferdinand dagegen war wie immer, breit in den Schultern, ein Lächeln im Gesicht. Bereit für jeden Spaß und jede Rauferei. Doch tief in seinem Innern war er ein Mann, der seine Familie über alles liebte. Das Leben in Ruhe und Frieden, das war sein wahrer Schatz, weit mehr als jedes Stück Land oder Gold.

Berthold, der alte Waffenmeister, stand neben ihnen.

Das Haar wirr und bereits grau, der Körper noch kräftig genug, um einem jungen Kerl die Stirn zu bieten. Er trank gerne und lachte oft, war aber keiner, der das Maß verlor.

Seine Ruhe und sein Gleichmut machten ihn zu dem Felsen, an den Ferdinand und Ulrich sich seit jeher lehnten.

„Beim heiligen Michael, dich haben wir ja seit den Kreuzzügen nicht mehr gesehen, was machst du hier?“ grollte Berthold neugierig.

Nachdem Ulrich die beiden Freunde losgelassen hatte und sich verstohlen eine Träne aus dem Gesicht wischte, begann er verlegen an zu berichten.

„Ich brauche deine Hilfe Ferdinand und deine kann ich auch gebrauchen“, meinte er, als er Berthold ansah.

„Zu jeder Zeit, an jedem Ort, stehe ich an deiner Seite“,  zitierte Ferdinand ihren Treueschwur aus gemeinsamen Tagen.

„Das weißt du doch! Komm mit in die Stube und lass uns darüber reden“, forderte Ferdinand ihn auf.

„Max“, brüllte Ferdinand über den Burghof.

„Max, verdammt noch mal, wo steckt der Kerl“, ärgerte sich Ferdinand.

„Hier, Herr Graf“, meinte der Knecht und kam aus dem Schatten hinter der Wachstube hervor.

„Bring das Pferd in den Stall und kümmere dich gut um ihn“, wies Ferdinand den Knecht an.

Max öffnete das Burgtor.

„Einen Moment noch“, bat Ulrich, legte zwei Finger in den Mund und pfiff Richtung Wald.

Im selben Augenblick erschien eine junge Magd auf einem Zelter und schritt auf die Burg zu. Berthold sah zu Ulrich.

„Deine Freundin?“ feixte er.

„Nein, wegen den beiden brauch ich eure Hilfe.“

„Eine Magd und ein alter Zelter?“ fragte Berthold überrascht.

„Oh Heiliger, was hast du wieder angestellt?“ fragte Ferdinand verblüfft.

Als der Zelter neben den drei Rittern hielt, half Ulrich der Magd vom Pferd und nahm ihr vorsichtig ein Bündel ab. Er legte es behutsam in seinen linken Arm und reichte ihr dann seine Rechte.

„Darf ich euch Hedwig und Albert vorstellen, sie wurden mir anvertraut, sie in Sicherheit zu bringen“,  berichtete Ulrich.

Nachdem sie den Wohnturm betreten hatte, kam gerade Sieglinde die Hausherrin die Treppe hinab. Leicht verärgert über die nächtliche Störung.

„Seid willkommen Herr Ritter, was führt euch zu uns?“ bat Sieglinde kühl um eine Erklärung.

„Das ist Ulrich, ich habe dir von ihm erzählt“, beantwortete Ferdinand ihre Frage.

„Gehört er zu den Raufbolden, mit denen du durch Italien gezogen bist?“ fragte sie scharfzüngig.

Gleichzeitig war sie aber auch besorgt, denn sie kannte die wilden Geschichten von den Kreuzzügen in denen ihr Mann gekämpft hatte und verletzt wurde.

„Sieglinde, sie brauchen unsere Hilfe, kümmere dich bitte um das Mädchen und ihr Kind, komm danach zu uns“,  bat Ferdinand seine Frau.

Als Ulrich das Bündel in den Armen hielt und es Sieglinde anvertraute, huschte ein Schatten über ihr Gesicht.

Sie war müde von der täglichen Arbeit, die ihr manchmal über den Kopf wuchs.  Der Verlust ihres eigenen Kindes lag wie ein unsichtbarer Schleier über ihr.

Die Sorge um ihren Mann ließ sie nie ganz los. Dennoch stand sie gerade in diesem Moment fester als alle Männer um sie herum. Sie strich zärtlich über Alberts Stirn und verbarg ihre Traurigkeit hinter der Haltung einer Gräfin. Sieglinde nahm Hedwig bei der Hand und stieg mit den beiden jungen Gästen die Treppe hinauf. Ferdinand führte seine Freunde in die Küche. Er holte einen Krug Wein hervor und stellte ihn auf die Glut des Kochfeuers.

„Hast du keine Köchin?“ wunderte sich Ulrich.

„Marie, die Frau von Max, ist letztes Jahr gestorben, seit dem bekocht Sieglinde uns“, meinte Ferdinand.

Der Hausherr verteilte Becher auf den Tisch und goss seinen Freunden ein.

„Zu jeder Zeit, an jedem Ort, stehe ich an deiner Seite, zum Wohl“, riefen die Freunde im Chor.

„Wie können wir dir helfen?“ wollte der Ferdinand wissen.

„Ich bin zu dir gekommen, um dich zu bitten, den Jungen bei dir aufzunehmen und für ihn zu sorgen. Ich kann dir nicht sagen wer er ist, nur dass der Junge in Gefahr ist. Sein Vater hat ihn mir anvertraut und ich hab Ihm geschworen den Jungen mit meinem Leben zu schützen.“

„Wie stellst du dir das vor?“ fragte ihn Ferdinand überrascht.

„Nimm ihn als deinen Sohn an, gib ihm deinen Namen, schütze und verteidige ihn. Erziehe ihn zu einem guten Christen und tapferen Streiter für Recht und Ordnung!“ bat Ulrich ihn.

Ferdinand dachte über die Bitte seines Freundes nach als seine Frau Sieglinde die Küche betrat.

„Die beiden sind im Gästezimmer und schlafen, das muss eine lange Reise gewesen sein, so erschöpft wie sie waren“, mutmaßte Sieglinde, als sie sich auch einen Becher Wein eingoss.

„Sieglinde, Ulrich bittet mich den Jungen unter meinem Namen aufzunehmen, als unseren Sohn“, berichtete Ferdinand seiner Frau.

Sieglinde sah überrascht zu ihrem Mann.

„Wie kommst du darauf ein fremdes Kind anzunehmen, Ferdinand. Was sagt seine Mutter dazu?“ 

Sie zeigte mit einem Finger nach oben in Richtung der Wohnräume.

„Hedwig ist die Amme nicht seine Mutter“, erwiderte der Ritter. 

„Ulrich ist mein Waffenbruder, wir haben uns geschworen immer für den anderen einzustehen und zu helfen“, sagte Ferdinand bestimmt.

„Ich würde ihm jeder Zeit, ohne zu zögern mein oder unser Leben anvertrauen“, fügte Ferdinand hinzu.

„Ich habe vor ein paar Wochen unseren neugeborenen Sohn verloren, kurz nach seiner Geburt“, berichtete Sieglinde traurig. 

„Unser Sohn wäre jetzt so alt wie der Junge. Aber was sagen wir Arthur?“

„Wer ist Arthur?“ erkundigte sich Ulrich.

„Arthur ist unser Sohn“, gab Sieglinde zurück.

„Arthur weiß, dass er ein Brüderchen bekommen soll, dass Sieglinde das Kind verloren hat, weiß er noch nicht. Dann kommt sein Bruder halt etwas später. Arthur wird es wohl nicht merken“, sinnierte Ferdinand.

„Wie lange soll er bei uns bleiben?“ wollte Sieglinde wissen.

„Bis er mündig ist oder sein Vater nach im schickt“, antwortete Ulrich.

Ferdinand sah seine Frau fragend an, er hoffte, dass sie einverstanden ist. Sieglinde räusperte sich

„Wir nehmen den Jungen auf, die Amme kann mir im Haushalt helfen und sich um den Jungen kümmern“, bestimmte sie.

Ferdinand fiel ein Stein vom Herzen, er hatte sich nicht in seiner Frau getäuscht.

„Eins dürfen wir nicht vergessen“, warf Berthold ein.

„Wir sind nur zwei die den Jungen beschützen können, Max ist schon alt und wir sind auch nicht mehr die Jüngsten.“

„Du alter Raufbold vielleicht, ich bin in meinen besten Jahren“, neckte Ferdinand Berthold.

„Ich bleibe auch hier, wenn es dir recht ist“, versicherte Ulrich 

„Als Waffenbruder und Knecht. Mein Bruder hat Land und Leute von unserem Vater geerbt. Ich habe mich bis jetzt nur rumgetrieben, es ist Zeit, dass ich sesshaft werde. Hier habe ich zwei Gründe, meine Freunde und mein Auftrag“, bat Ulrich.

„Dann sind wir drei, das wird auch nicht reichen“, überlegte Berthold.

„Was ich fast vergessen hätte, der Vater des Jungen zahlt dir eine lebenslange Apanage von zehn Silber Mark im Jahr. Das reicht für eine kleine Leibwache und deren Unterhalt“, fügte Ulrich hinzu.

Er warf ein kleines Säckchen auf den Tisch.

 „Das ist für dich“, meinte Ulrich.

Ferdinand bekam große Augen. Er nahm das Säckchen ehrfürchtig in die Hand und wog es.

„Das ist viel zu viel, das kann ich nicht annehmen“, lehnte Ferdinand ab.

„Mein Bruder schickt mir noch zwei zuverlässige Ritter mit Gefolge, bis wir einige vertrauenswürdige Männer gefunden haben“, fügte Ulrich hinzu.

„So sei es“, beendete Ferdinand die Runde.

„Heute Nacht kannst du hier in der Küche schlafen, hier ist es wärmer als im großen Saal, morgen überlegen wir wo wir dich unterbringen können“, meinte Ferdinand.

Sieglinde und er standen vom Tisch auf und verabschiedeten sich für den Rest der Nacht.

Ulrich und Berthold blieben noch einen Moment reglos am Tisch sitzen, als die Schritte von Ferdinand und Sieglinde auf der Treppe verklangen. Dann wurde es still in der Küche.  Nur das leise Knistern der Glut im Herd war zu hören. Berthold schob den Becher vor sich hin und sah Ulrich von der Seite an.

„Na …“ Er räusperte sich.

„Jetzt sitzen wir hier allein.“

Ulrich hob langsam den Blick. Berthold beugte sich etwas näher über den Tisch.

„Verrate es mir, Ulrich.“

Seine Stimme war ungewohnt leise.

„Nur unter uns.“

Ulrich wusste sofort, was kam.

„Wer ist der Junge?“

Ulrich schwieg einen Augenblick lang. Er sah in das dunkle Rot des Weins in seinem Becher. Dann sagte er ruhig:

„Wenn es einen Mann gibt, dem ich mein Leben anvertrauen würde … dann bist du es, Berthold.“

Berthold verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.

„Das klingt gefährlich nach einer Einleitung.“

Ulrich schnaubte leise. Er legte Berthold seine Hand auf den Arm.

„Deinem Schwertarm würde ich mein Leben anvertrauen.“

Er hob den Blick.

„Deiner Zunge nicht.“

Berthold zog gespielt empört die Brauen hoch.

„Meine Zunge hat schon ganz andere Geheimnisse gehütet.“

Ulrich schüttelte langsam den Kopf.

„Nicht nach dem dritten Becher.“

 Berthold wollte etwas erwidern, ließ es dann aber. Stattdessen griff er nach seinem Becher und nahm einen kleinen Schluck.

„Verdammt“, murmelte Berthold.

„Da hast du wohl recht.“

Ein kurzer Moment Stille.

„Ich will es ja nicht weitertragen“, sagte Berthold leise.

„Ich wollte es nur wissen.“

Ulrich sah ihn lange an.

„Und genau deshalb kann ich es dir nicht sagen.“

Berthold nickte langsam.

„Weil ich es irgendwann aussprechen würde.“

Ulrich antwortete nicht. Er musste es nicht. Berthold schnaubte leise und lehnte sich zurück.

„Früher“, brummte er.

„Hätte ich dich dafür noch einen Feigling genannt.“

Ein schmales Lächeln huschte über Ulrichs Gesicht.

„Früher, hätte ich dich dafür gefordert!“

„Und heute?“ wollte Berthold wissen.

Ulrich sah kurz in seinen Becher.

„Heute würde ich es einem alten Freund nicht übelnehmen … und einfach schweigen.“

Berthold musterte ihn.

„Früher warst du nie so still, Ulrich.“

Ulrich hob leicht die Schultern.

„Italien war laut genug für ein Leben.“

Berthold lachte kurz auf.

„Beim heiligen Michael … das stimmt.“

Sein Blick wurde weicher.

„Weißt du noch, wie wir bei Bari fast an der Mauer hängen geblieben wären?“

Ulrich lächelte.

„Fast? Du hast mit deinem ganzen Gewicht an mir gehangen. Und du hast trotzdem nicht losgelassen.“

Ulrich sah ihn an.

„Du auch nicht.“

Berthold hob den Becher.

„Auf schlechte Entscheidungen.“

Ulrich stieß leise an.

„Und darauf, dass wir sie überlebt haben.“

Sie tranken. Ein paar Herzschläge lang sagte keiner etwas. Dann seufzte Berthold.

„Du bleibst also wirklich hier.“

Ulrich nickte.

„Ja.“

„Als Knecht?“

„Oder als Waffenbruder. Je nachdem, was man gerade braucht.“

Berthold musterte ihn noch einmal von oben bis unten.

„Sesshaft werden …“

Er schüttelte den Kopf.

„Hätte ich bei dir nie erwartet.“

Ulrich lächelte schwach.

„Ich auch nicht.“

Berthold stellte den Becher ab und erhob sich langsam.

„Na gut.“

Er streckte die müden Schultern.

„Ich geh ins Zeughaus. Der Strohsack wartet schon sehnsüchtig auf mich.“

Ulrich nickte.

„Schlaf gut.“

Berthold blieb noch einmal stehen.

„Ulrich?“

„Hm?“

„Du hast recht.“

Ulrich sah auf.

„Womit?“

Berthold verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen.

„Mit der Zunge.“

Dann drehte er sich um und verschwand aus der Küche. Ulrich blieb allein zurück. Er schob den Becher beiseite, rückte die Bank näher an den Herd und setzte sich auf den Rand. Die Wärme der Glut kroch langsam durch den schweren Stoff seines Waffenrocks. Er lehnte den Kopf an die Wand. Morgen beginnt ein neuer Abschnitt, dachte er.  Dann schloss er die Augen.

Und so begann Ulrichs erster Tag auf Burg Wimmer, er tauschte Waffenrock und Kettenhemd mit der einfachen Kleidung eines Pferdeknechts. Ferdinand war am Morgen mit den Sachen in die Küche gekommen.

„Hier, hab ich deine neuen Sachen. Graue Beinlinge aus Leinen und eine braune Tunika aus Wolle“, begrüßte ihn Ferdinand freudestrahlend.

Ulrich verzog das Gesicht.

„Die Tunika kratzt und die Beinlinge sind zu kurz“, bemängelte Ulrich.

Ferdinand zuckte mit den Schultern.

„Dafür sind die Lederschuhe sehr bequem“, beschwichtigte er und gab Ulrich die Schuhe die er hinter dem Rücken versteckt hatte.

Ulrich bezog einen kleinen Raum über dem Pferdestall.

„Da hat früher Max gelebt, bis er mit seiner Frau in die Stube hinter der Küche gezogen ist“, erklärte ihm Ferdinand.

„Na toll, vom edlen Ritter zum Stallburschen in einer Nacht.“

„Du hast es angeboten, du kannst auch gerne zu Berthold ins Zeughaus ziehen!“ erwiderte der Graf.

„Danke ich hab ihn gestern bei meiner Ankunft schon vom Wald aus gehört.“

Beide mussten Lachen.

Kapitel 1

1121

Burg Wimmer

 Die Sonne stand schon hoch über den Mauern, und der Burghof war erfüllt vom dumpfen Schlägen der Holzschwerter. Schweiß glänzte auf den Gesichtern der jungen Knappen, während sie mit ruckartigen Bewegungen aufeinander einschlugen. Staub stieg aus der Sandgrube bei jedem Schritt auf, die Befehle des Waffenmeisters hallten von den Steinwänden wider. Graf Ferdinand saß wie fast jeden Nachmittag im dem kleinen Garten vor dem Wohnturm, schnitzte an einem Stück Holz und schaute den Knappen bei ihren Waffenübungen zu. Die größte Freude bereitete ihm seine Söhne, sein ältester Sohn Arthur war vierzehn Jahre. Er war jetzt seit ein paar Monaten Knappe bei Ritter Lorenz in Burghausen. Albert, sein jüngster war neun Jahre.

Am Burgtor trat ein unscheinbarer Mönch in brauner Kutte auf den alten Torwächter zu.

„Gott zum Gruße, mein Sohn“, sprach er. 

Der altgediente Waffenknecht runzelte die Stirn und musterte den Mönch. 

„Mein Sohn? Ich könnte dein Vater sein, Mönchlein.“

Der Mönch errötete, nickte hastig und murmelte.

„Verzeiht, Macht der Gewohnheit. Ich bin Bruder Tobias und möchte zu Ulrich“, bat er schnell um die Situation zu retten. 

Der Bewaffnete befahl einen Knaben der gerade vorbei kam Bruder Tobias zu Ulrich zu führen. Ulrich stand neben der Scheune an einen Balken gelehnt, im Schatten. Bruder Tobias trat an Ulrich heran, der müde auf die Knappen blickte. 

„Mein Sohn, Ihr solltet Euch etwas schonen…“, begann Tobias leise. 

Ein Schmunzeln zuckte über seine Ulrichs Lippen.

„Sag besser nur ‚Ulrich‘, oder Onkel, sonst lachen sich die Knappen tot.“ 

Ulrich nahm Tobias herzlich in die Arme. 

„Schön dich zu sehen.“ 

„Mein Vater schickt mich“, berichtete Tobias leise. 

„Ich habe auch einen Nachricht für dich.“ 

„Wie geht es meinem Bruder?“ wollte Ulrich wissen. 

„Er lässt dich Grüßen“, sagte Tobias und gab Ulrich eine Pergamentrolle. 

„Sie ist von deinem Gönner“, zwinkerte Tobias. 

Ulrich nahm die Rolle, zerbrach das Siegel und las. 

„Er schreibt du sollst mich bei Schutz für Albert unterstützen. Glaubt er ich schaffe das nicht alleine? Oder ich wäre zu alt?“ 

„Nein, er möchte das der junge etwas Vernünftiges lernt.

Da ich Theologie studiert habe, dachte er es würde dem Jungen nicht schaden. Und außerdem habe ich bei Bruder Bonifazius gelernt. Du weißt noch wer Bruder Bonifazius war?“ 

„Ja, der Leibwächter von Gottfried von Bouillon“ überlegte Ulrich. 

„Der lebt immer noch? Der muss doch steinalt sein“, staunte Ulrich. 

„Nein, er ist vor einem Jahr gestorben“, antwortete Tobias traurig.

„Gott möge seiner Seele gnädig sein“, bat Ulrich und schlug das Kreuz. 

Der alte Templer, nur Gott weiß, wie viele Heiden er zu Allah geschickt hat, ging es Ulrich durch den Kopf. Ulrich schob den Gedanken beiseite. 

„Komm, lass uns mit Ferdinand reden“ sagte Ulrich nachdem er die dunklen Schatten vom Kreuzzug weggeschüttelt hatte.

Ulrich und Tobias schritten auf Ferdinand zu, Ulrich blieb neben dem Grafen stehen. Er beugte sich leicht zu Ferdinand. 

„Das ist mein Neffe Bruder Tobias, sein Vater hat ihn uns geschickt“, erklärte er leise. 

„Bruder Tobias kann den alten Manfred entlasten und die Knaben unterrichten. Ferdinand nickte zufrieden. 

„Das ist gut. Albert soll nicht nur mit dem Schwert umgehen können.“ 

Tobias warf in diesem Moment einen unauffälligen Blick zu Albert. 

„Ihr müsst mich jetzt entschuldigen, Albert möchte das ich ihm das reiten beibringe.“

Ulrich verneigte sich leicht vor Ferdinand und ging zum Stall zurück. Ulrich stand bereits im Hof, als Albert mit dem kleinen Braunen aus dem Stall kam. Der Junge saß unsicher auf.

Nickte zu Ulrich. 

„Ich bin bereit.“

Albert klammerte sich noch immer viel zu fest an den Zügel. 

„Nicht ziehen“, sagte Ulrich ruhig. 

Der Junge verzog das Gesicht. 

„Ich fall sonst.“ 

Ulrich ging neben dem Pferd her und legte ihm kurz die Hand an den Sattel.

„Du fällst nicht.“

Albert warf ihm einen schnellen Blick zu. 

„Woher weißt du das?“ 

Ulrich lächelte kaum merklich. 

„Weil ich dich halte.“ 

Albert lockerte zögernd die Finger. Das Pony schnaubte leise und setzte einen ruhigeren Schritt. 

„Du sitzt zu steif“, sagte Ulrich. 

„Ich hab Angst.“ 

Ulrich nickte. 

„Das ist gut.“ 

Albert sah ihn verwirrt an. 

„Gut?“ 

„Ja“, antwortete Ulrich. 

„Angst hält dich wach. Aber sie darf dich nicht festhalten.“ 

Er blieb stehen. 

„Schau nach vorn, nicht auf deine Hände.“ 

Albert hob den Blick. Das Tor der Burg lag vor ihnen im Sonnenlicht. 

„Und wenn ich doch falle?“ 

Ulrich trat näher an den Steigbügel. 

„Dann stehst du wieder auf.“ 

Albert schwieg. Dann fragte er leise, 

„Warst du auch mal so?“ 

Ulrich brauchte einen Moment.

„Ja.“ 

„Und hattest du jemanden, der dich gehalten hat?“ 

Ulrich sah kurz zum Burgturm hinauf. Dann wieder zu Albert. 

„Nicht immer.“ 

Albert dachte darüber nach. 

„Dann bin ich besser dran als du.“ 

Ulrich musste kurz lachen. 

„Ja.“ 

Er legte dem Jungen die Hand an den Oberschenkel. 

„Jetzt gib ihm die Ferse. Ganz leicht.“ 

Das Pferd setzte sich in Bewegung. Albert richtete sich ein wenig auf. Nicht viel. Aber genug. Ulrich ging noch ein paar Schritte nebenher. Dann ließ er los. Albert merkte es erst, als er schon allein ritt.

Wenig später herrschte auf dem Burghof wieder reges Treiben. Der alte Waffenmeister Berthold scheuchte die Jungen mit Schild und Schwert über den kleinen Sandplatz.

Albert stand etwas abseits davon, schwang sein Holzschwert und versuchte die Übungen der Knappen nachzumachen.

Sein Blick folgte jedem Schlag, jedem Hieb, jedem Parieren.  So will ich auch kämpfen, nicht nur als Zuschauer, sondern mitten drin, mit Stahl in der Hand und Ruhm im Herzen, dachte er.  Ein besonders wilder Schlag ließ das Holzschild krachen, einer der Knappen stolperte, fiel auf die Knie. Ein Raunen ging durch die anderen Jungen.

Alberts Herz schlug schneller. In seiner Vorstellung war er derjenige, der den Sieg errang nicht hier im Burghof, sondern draußen auf dem Feld, zwischen Bannern, Schlachtrufen und feindlichen Reihen.  Für einen Moment konnte er es fast hören, das Dröhnen der Hörner, das Stampfen der Pferde. Doch als er blinzelte, war es wieder nur der Hof, staubig und heiß, und er selbst ein Beobachter, kein Kämpfer.

„Albert… Albert“, rief Ferdinand über den Hof. 

„Ja, Vater“, gab dieser zurück und lief zu Ferdinand.

Der Graf strich dem Jungen liebevoll über sein kastanienbraunes Haar. 

„Du führst dein Schwert aber schon sehr sicher“, lobte er seinen Sohn. 

„Ja, Meister Berthold sagt, ich darf ab nächstes Frühjahr mit den Pagen trainieren“, freute sich sein Sohn schon.

Berthold, der alte Waffenmeister, war für ihn wie ein Onkel. Er neckte ihn, zeigte ihm erste Hiebe mit dem Holzschwert und achtete doch darauf, dass der Junge nie überfordert wurde.

Für Albert war klar, Eines Tages würde er Ritter sein, tapfer, heldenhaft, edel. Doch unter seiner Sehnsucht nach Ruhm lag auch eine leise Schüchternheit.

Oft zog er sich zurück in den Stall oder auf den Heuboden, wo er im Stroh gegen unsichtbare Drachen und finstere Bösewichter kämpfte. Mit Holzschwert und kindlicher Fantasie führte er Schlachten, die nur er sehen konnte.

„Bekomme ich dann ein richtiges Schwert, Vater?“ bettelte Albert. 

„Wir werden sehen mein Sohn. Das ist Bruder Tobias, er wird ab morgen euren Unterricht von Bruder Manfred übernehmen“, erklärte Ferdinand. 

Albert verneigte sich vor Tobias. 

„Das ist mir eine große Ehre, Vater Tobias.“ 

„Führe Tobias zu Bruder Manfred, dann lauf zu deiner Mutter, es ist bald Zeit fürs Abendessen“, meinte Ferdinand und gab dem Jungen einen kleinen Schupps Richtung Wohnturm.

Albert war ein aufgeweckter Junge, der schon früh mehr konnte als viele seines Alters. Bruder Manfred hatte ihn in Sprachen und Schrift unterwiesen, und Sieglinde, seine Mutter, lehrte ihn Geduld und Fleiß. Er konnte schreiben, lesen und rechnen, nicht gewöhnlich für einen Knaben in seinem Alter. Stolz war er auf seine Familie, und wenn er von den Geschichten hörte, dass sein Vater einst im Kreuzzug gekämpft hatte, leuchteten seine Augen. Albert rannte in den Wohnturm, durch die Halle und blieb wie jedes Mal vor dem mannshohen Kamin stehen, über dem das Wappenschild seines Vaters hing. Seine Zieheltern liebte er ohne Einschränkung.

Für ihn waren sie Vater und Mutter, so sicher wie das Wappen über dem Kamin.

Und doch konnte er es kaum erwarten, endlich als Knappe an Bertholds Seite zu treten, hinauszutreten aus dem Reich der Spiele hinein in die Welt der Ritter, von der er in jeder Nacht träumte. 

Eines Tages werde ich unser Schild wieder zu Ruhm und Ehre führen und meinen Vater stolz machen, dachte Albert und lief weiter in die Küche hinter der Halle.

„Mutter…, Mutter, nächstes Frühjahr zeigt mir Meister Berthold wie ich ein Schwert führen muss, er hat es versprochen“, meinte er atemlos und lief seiner Mutter in die ausgebreiteten Arme. 

„Ja mein kleiner Ritter, das wirst du“, stimmte sie ihm zu und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. 

Gräfin Sieglinde, stand am Herdfeuer und bereitete das Abendmahl für die Burgbewohner zu. Hedi, die Magd stand neben ihr und holte das Brot aus dem Ofen. 

„Albert, wer ein großer Ritter werden will, muss erst einmal als Page anfangen und den Tisch decken“, meinte Hedi lächelnd.

Sie drückt ihm die Brotscheiben, die ihnen als Teller dienten, in die Arme. 

„Aber, dafür gibt es Mägde“, widersprach Albert wissend. 

„Siehst du welche?“ erkundigte sich Hedi etwas ernster. 

„Mutter warum stehst du eigentlich in der Küche?“ erkundigte sich Albert.

„In den Rittergeschichten von Bruder Manfred, sitzen die Königinnen den ganzen Tag in ihrer Kammer und spielen Harfe, sticken oder sitzen im Garten und sammeln Blumen.“ 

„Ich bin keine Königin nur Gräfin…“. 

„Für mich bist du eine Königin, die schönste Frau auf der Welt“, unterbrach er seine Mutter verlegen.

 „… Dein Vater wollte es so, wir haben nur ein kleines Landgut, da muss jeder arbeiten, auch ich“, erwiderte seine Mutter.

Beim gemeinsamen Abendessen saßen Ferdinand, seine Familie und das Gesinde in der Halle. Die Laute erklang leise, einzelne Töne schwebten durch den Raum und mischten sich mit dem Knistern des Feuers im Kamin. In der kleinen Halle brannten Kerzenleuchter auf der langen Tafel, ihr Wachs tropfte langsam auf das Holz und verströmte einen leichten, süßlichen Geruch.

Der Duft von gebratenem Fleisch und frischem Brot hing in der Luft. Die Bewohner unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. 

„Ferdinand, wir müssen morgen nach Salzburg. Ich brauche einige Vorräte aus der Stadt“, flüsterte seine Frau.

Nah genug, dass er sie hörte, aber leise genug, dass das Gesinde ihre Worte nicht verstand.  Ferdinand wandte sich an seinen Tischnachbarn.

„Berthold, wir reiten morgen nach Salzburg, bereite bitte alles vor“, wies Ferdinand seinen Waffenmeister an.

Nach dem Abendmahl ging Berthold wie jeden Abend in die Burgkapelle. Berthold betrat die Kapelle, sie war leer, der Mond leuchtete durchs Kapellenfenster auf den Altar, er ging vor dem Altar auf die Knie schlug das Kreuz und betete. 

„Herr, danke für diesen friedlichen Tag und dass du meine Leute beschützt hast. Vater unser im Himmel …“

Berthold hörte Geräusche aus der Sakristei. Er versuchte sich auf sein Gebet zu konzentrieren. 

„…Der du bist im …“ 

Er hörte Gelächter, Berthold verdrehte die Augen zur Kapellendecke. 

„…Dein Reich komme…“ 

Wieder ein Lachen.

Haben die keinen Respekt im Haus Gottes

„Verzeih mir Herr, ich muss ein paar Ketzer zurechtstutzen, Amen!“  

Er bekreuzigte sich wieder und stand auf. Berthold stampfte wütend zur Sakristei. 

Was ist hier los? wollte er gerade lospoltern, als er Vater Manfred und Bruder Tobias bei einem Krug Bier zusammen sah. 

Der erste war der Beichtvater von Ferdinand und Burgpriester der zweite der neue Lehrer der Pagen und Burgschreiber. Vater Manfred sah auf. 

„Gott zum Gruße mein Sohn, setzt dich zu uns und trink ein Bier mit.“

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